KOF Konjunkturprognose Winter 2016/17: Langsame Erholung in unsicheren Zeiten

15.12.2016 | Medienmitteilung

Die Wachstumsimpulse für die Schweizer Wirtschaft bleiben schwach. Der private Konsum entwickelt sich zurückhaltend und die Exportwirtschaft findet nicht zur alten Stärke zurück. Das BIP wird im Jahr 2017 um moderate 1.6% steigen. Die Beschäftigungsentwicklung ist mässig. Da aber die Zuwanderung abnimmt, bleibt die Arbeitslosenquote gemäss SECO-Definition mit 3.3% annähernd stabil. Die Teuerung wird wieder leicht positiv.

Internationales Umfeld

Die Weltkonjunktur hat im 3. Quartal 2016 einen Zwischenspurt eingelegt. Die USA expandierten dank eines hohen Aussenbeitrags im Vergleich zu den vergangenen Quartalen überdurchschnittlich, hierbei spielten jedoch Sondereffekte eine wesentliche Rolle. Die europäische Wirtschaft setzte ihren langsamen Erholungskurs fort. China konnte seine konjunkturelle Dynamik dank fiskalischer Stimuli etwa halten. Für das 4. Quartal 2016 prognostiziert die KOF für die Weltwirtschaft eine etwas schwächere konjunkturelle Dynamik als zuletzt. Aus allen wichtigen Weltregionen dürften geringere Expansionsbeiträge kommen, allein in den Krisenländern Brasilien und Russland wird sich die graduelle Erholung voraussichtlich fortsetzen. In den Folgequartalen dürfte die weltwirtschaftliche Dynamik dann wieder etwas zunehmen.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten beeinflusst den globalen Konjunkturausblick: Sie erhöht in erster Linie die Prognoseunsicherheit. Denn derzeit ist unklar, inwieweit Trump seine Wahlversprechen – fiskalische Impulse durch Infrastrukturprogramme und Steuersenkungen sowie ein stärkerer Protektionismus – umsetzen kann und will. Die KOF prognostiziert nicht die Handlungen der Politik in den USA. Dennoch trägt sie der veränderten Situation Rechnung, indem sie gewisse Fiskalmassnahmen als Annahme unterstellt. Diese Fiskalmassnahmen werden die Importnachfrage der USA direkt allerdings nur geringfügig erhöhen. Gewisse Effekte auf die globale Konjunktur ergeben sich dagegen über den Wechselkurskanal: Die fiskalischen Impulse werden den Preisdruck in den USA ab 2018 erhöhen, die US-Notenbank Fed wird entsprechend die Zinsen etwas stärker ansteigen lassen als bisher angenommen. Zudem geht die KOF davon aus, dass sich die protektionistische Ausrichtung der neuen US-Regierung hemmend auf die internationale Handelsintegration auswirken wird. Dämpfende Effekte auf den globalen Handel sind nach Einschätzung der KOF aber erst mittel- bis längerfristig sichtbar. Dessen unbenommen, dürfte der globale Handel im Prognosezeitraum nur relativ schwach expandieren.

Ein Abwärtsrisiko für die europäische Konjunktur geht derzeit von Italien aus. Sollte es zu Neuwahlen und in der Folge zu einem von der Opposition in Aussicht gestellten Referendum über den Verbleib im Euroraum kommen, dürfte dies die Investoren stark verunsichern. Auch das Extremszenario einer Banken- und Staatsschuldenkrise wäre für diesen Fall nicht auszuschliessen.

Schweizer Konjunktur

Im Jahr 2016 normalisierte sich die Wirtschaftsaktivität in der Schweiz allmählich. Die Produktion stieg, die Preise blieben aber aufgrund der Aufwertung im Jahr 2015 und der tieferen Ölpreise bis zum Jahresende rückläufig. Die starke Aufwertung hat auch die Notwendigkeit von Produktivitätssteigerungen akzentuiert, was einen stagnierenden Arbeitseinsatz seit Anfang 2015 zur Folge hatte. Die Lohnerhöhungen fielen in diesem Zeitraum schwach aus, durch die Preisrückgänge stieg die durchschnittliche Kaufkraft der Löhne aber dennoch.

Deflationsphase neigt sich dem Ende zu

Durch den jüngsten Preisanstieg des Rohöls dürfte die Zeit der Preisrückgänge insgesamt auslaufen. Der Anstieg der Konsumentenpreise bleibt nach Einschätzung der KOF aber in der nächsten Zeit tief (2016: -0.4%, 2017: 0.3%) und erlaubt somit eine Fortführung der lockeren Geldpolitik seitens der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Der Franken hat sich gegenüber dem Euro in den letzten Monaten leicht aufgewertet. Die KOF revidiert deswegen die bisherige technische Annahme von 1.10 auf 1.08 für den Euro und belässt den Wechselkurs über die gesamte Prognoseperiode auf diesem Niveau.

Schwache Investitionen

Trotz hoher Liquidität sind die Anlageinvestitionen im Inland eher schwach und dies wird auch in der nächsten Zeit so bleiben. Die Investitionen in Schienen- und Luftfahrzeuge, die schon in der vorhergehenden KOF Prognosen jeweils dominierten, bilden weiterhin die Hauptstütze. Von den Bauinvestitionen erwartet die KOF kaum Impulse (2017: 0.9%). Die Bauaktivität ist bereits auf einem hohen Niveau und die Erhöhung der Verkehrsinfrastrukturinvestitionen wird sich voraussichtlich erst ab 2018 manifestieren. Der Wohnbau ist auf einem nicht nachhaltigen Niveau angelangt, die Erhöhung des Wohnungsbestands liegt zurzeit einiges höher als die Zunahme der Anzahl der Haushalte. Darum erwartet die KOF im Prognosezeitraum keine nennenswerte Zunahme der Wohnungsproduktion.

Strukturwandel setzt sich fort

Die Bedeutung der Industrie hat seit der Finanzkrise abgenommen, nachdem sie zuvor – in der Zeit des schwachen Frankens – sowohl in Bezug auf die Beschäftigung als auch auf die Wertschöpfung im Vergleich zur restlichen Wirtschaft zulegen konnte. Zurzeit hat das Verarbeitende Gewerbe einen Anteil an der Wertschöpfung von etwa 18%. Gemäss jüngster KOF Prognose wird dieser Anteil weiter schrumpfen, lediglich die pharmazeutische Industrie wird noch an Gewicht zulegen können. Das Gastgewerbe leidet ebenso wie die Industrie unter dem hohen Wechselkurs und dürfte weiterhin Einbussen verzeichnen. Der forcierte Strukturwandel dürfte weitergehen, was sich in einer Zunahme der unternehmens- und personenbezogenen Dienstleistungen manifestiert. Die Finanzdienstleistungen werden ein unterdurchschnittliches Wachstum aufweisen und auch die Bauwirtschaft verliert an Bedeutung.

Angesichts des nach wie vor schwierigen Umfelds für die Schweizer Industrie rechnet die KOF für die kommenden Quartale mit einer eher flachen Exportentwicklung bei den Waren. Für die folgenden Quartale rechnet die KOF hingegen mit steigenden Dienstleistungsausfuhren. Insgesamt steigen die Exporte gemäss aktueller Prognose 2017 um 2.2% und 2018 um 3%. Bei den Importen erwartet die KOF ein anziehendes Wachstum, wobei es sich bei den Importen vor allem um Vorleistungen handelt.

Schwächere Zuwanderung

Die gesetzliche Umsetzung des 2014 angenommenen Verfassungsartikels zur Begrenzung der Einwanderung scheint nunmehr sanft auszufallen. Allerdings dürften die schwächere Wirtschaftsaktivität und die Erfordernis zur Produktivitätserhöhung die wirtschaftlich bedingte Einwanderung in den kommenden Jahren geringer ausfallen lassen als in der Vergangenheit. Die KOF erwartet deshalb eine moderate Erhöhung der Beschäftigung (in Vollzeitäquivalenten, 2017 und 2018: 0.4%) und keine nennenswerte Änderung der Arbeitslosenquote. Die Quote gemäss der International Labor Organization (ILO) dürfte 2017 im Durchschnitt 4.6% betragen; diejenige für die registrierten Arbeitslosen gemäss Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) 3.3%. Die Lohnentwicklung wird schwach ausfallen und somit die Zunahme des privaten Konsums beschränken (2017: 0.9%).

Kein Ende der Niedrigzinsphase in Sicht

Aufgrund der schwachen Preisentwicklung und des Aufwertungsdrucks erwartet die KOF keine Änderung der Kurzfristzinsen im Prognosezeitraum. Sie bleiben demnach deutlich negativ. Die Langfristzinsen werden jedoch bald wieder positiv und sich in einem äusserst langsamen Tempo erhöhen. Ende 2018 erwarten wir eine Rendite von 10-jährigen Bundesobligationen von 0.25%.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen erwartet die KOF ein Wachstum des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) von 1.6% für 2017 und 1.9% für 2018.

Kontakt

ETH Zürich

KOF Konjunkturforschungsstelle

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