Verstärkt Teilzeitarbeit die Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt?

07.07.2017 | Arbeitsmarkt, KOF Bulletin

Die Verbreitung von Teilzeitarbeit unter Frauen erleichtert deren Einbindung in den Arbeitsmarkt, hat aber ihre Schattenseiten. Denn Teilzeitarbeit stellt ein Karrierehindernis dar und trägt somit zur Zementierung der Geschlechterungleichheit bei. Der Hauptgrund, weshalb Frauen Teilzeit arbeiten, ist die Kinderbetreuung. Ein besseres Angebot an Betreuungseinrichtungen sowie ein grösseres Angebot an Teilzeit-Führungspositionen für Frauen und Männer würde das Problem mildern.

Teilzeit Arbeit meist bei Frauen
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Teilzeitarbeit unter Frauen weitverbreitet

Der Anteil Erwerbstätiger, die Teilzeit arbeiten, hat zwischen 1970 und 2016 von 12 auf 35% zugenommen. Der Trend zu Teilzeitarbeit ist in der Schweiz sowohl bei Männern wie auch bei Frauen zu beobachten, doch die Niveauunterschiede sind gewaltig: 16% teilzeitbeschäftigten Männern stehen 57% teilzeit-beschäftigte Frauen gegenüber. Von den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weisen nur die Niederlande einen höheren Anteil an teilzeitbeschäftigten Frauen auf als die Schweiz. Bei den Männern liegt die Schweiz dagegen nur knapp über dem OECD-Durchschnitt.

Teilzeitarbeit als Karrierehindernis

Der Trend zur Teilzeitarbeit wird meist begrüsst, da sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert und zur Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt beiträgt. Doch Teilzeitarbeit kann auch negative Auswirkungen haben. So kann sie zum Karrierehindernis werden, wenn Führungspositionen an Vollzeitstellen gekoppelt sind. Eine deskriptive Auswertung der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) stützt die Befürchtung: Geschäftsleitungsmitglieder in mittleren und grossen Unternehmen haben zu 87% eine Vollzeitstelle inne. Nur 2% haben ein Arbeitspensum unter 50%. In Leitungspositionen unterhalb der Geschäftsleitungsebene zeigt sich dasselbe Bild. Gleichzeitig zeigen die Daten eine deutliche Untervertretung der Frauen in Führungspositionen. Stellt sich die Frage, inwiefern Teilzeitarbeit diese Untervertretung erklärt.

Teilzeitarbeit zementiert Geschlechterungleichheit

Um der Frage nachzugehen, wurde der Einfluss des Geschlechts auf die Wahrscheinlichkeit, Geschäftsleitungsmitglied zu sein, geschätzt (Tabelle T 1). Im Durchschnitt sind 11.6% der Männer, aber nur 5.2% der Frauen Mitglieder einer Geschäftsleitung. Der Unterschied beträgt 6.4 Prozentpunkte (Model 1). Werden nur gleichaltrige Frauen und Männer auf derselben Bildungsstufe, mit derselben Nationalität, Betriebszugehörigkeitsdauer und in derselben Branche verglichen, beträgt die durchschnittliche Differenz 5 Prozentpunkte (Model 2). Ein Teil des ursprünglichen Unterschieds wird also durch die genannten Charakteristika erklärt. Wird nun der Beschäftigungsgrad als zusätzliche Variable ins Modell genommen, reduziert sich der Nachteil der Frauen um weitere 2.2 auf 2.8 Prozentpunkte (Model 3). Die Untervertretung der Frauen in Geschäftsleitungen wird somit zu einem Drittel durch den hohen Frauenanteil in Teilzeitjobs erklärt.

Kinderbetreuung Hauptgrund für Teilzeitarbeit

Weshalb arbeiten so viele Frauen in Teilzeit? In der SAKE nennt ein Drittel die Kinderbetreuung als Hauptgrund, weitere 16% geben sonstige familiäre Gründe an. Die Bedeutung der Kinderbetreuung für die weite Verbreitung der Teilzeitarbeit unter Frauen verdeutlicht Grafik G 1, die den durchschnittlichen Beschäftigungsgrad nach Geschlecht und Haushaltsgrösse zeigt, wenn gleichaltrige Personen auf derselben Bildungsstufe, mit derselben Nationalität und in der gleichen Branche verglichen werden. Der Beschäftigungsgrad von Männern wird durch die Anwesenheit weiterer Haushaltsmitglieder nicht oder sogar positiv beeinflusst. Derjenige der Frauen – anfänglich auf demselben Niveau wie derjenige der Männer – sinkt dagegen von 85% in einem Einpersonenhaushalt auf 45% in einem Fünfpersonenhaushalt.

Mangel an (bezahlbaren) Kinderbetreuungsangeboten

Dass vor allem Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren, sobald Kinder kommen, hängt mit der Verankerung traditioneller Rollenbilder zusammen. Solange Frauen weniger verdienen als Männer, ist eine solche Entscheidung aber auch aus finanzieller Sicht rational. Die Notwendigkeit, sich zugunsten der Kinder vom Arbeitsmarkt zurückzuziehen, begründen viele der im Rahmen der SAKE Befragten mit einem Mangel an (bezahlbaren) Betreuungsangeboten. Ein Vergleich mit dem Ausland bestätigt, dass die Schweiz diesbezüglich mehr machen könnte. So werden Familien hierzulande überdurchschnittlich stark durch Ausgaben für die Kinderbetreuung belastet, weil sich die öffentliche Hand an den Kosten unterdurchschnittlich beteiligt.

Schlussfolgerungen

Damit eine echte Wahlmöglichkeit in Bezug auf den Beschäftigungsgrad besteht, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. So gilt es, Bedingungen zu schaffen, damit Vollzeiterwerbstätige Beruf und Familie vereinbaren können. Hier ist u.a. die öffentliche Hand gefragt, eine bezahlbare und gut ausgebaute Kinderbetreuungsinfrastruktur zur Verfügung zu stellen. Zudem gilt es, die Benachteiligung von Teilzeitbeschäftigten in Bezug auf das Vordringen in Leitungspositionen abzubauen. Teilzeitstellen sollten auch auf Leitungsebene alltäglich werden – und zwar für Frauen und Männer. Soll die Gleichstellung der Geschlechter vorangetrieben werden, muss zudem die klassische Rollenaufteilung in Bezug auf Haushalts- und Betreuungsaufgaben hinterfragt werden.

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27.07.2017
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