Firmen – die Gewinner der Personenfreizügigkeit

03.03.2017 | Arbeitsmarkt, Forschungsprojekt, Innovation, KOF Bulletin

Viele Unternehmer in der Schweiz sagen, dass die Personenfreizügigkeit zentral für den Erfolg ihres Unternehmens ist. Doch hat die Personenfreizügigkeit die Firmen wirklich grösser, produktiver und innovativer gemacht? Eine neue KOF Studie zeigt: Ja, die Firmen wurden grösser und innovativer. Sie entschieden sich wegen der Personenfreizügigkeit sogar, vermehrt in der Schweiz zu produzieren.

KOF, ETH Zürich

Bei der Diskussion zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) war eine entscheidende Frage, welchen Einfluss die Wiedereinführung von Zuwanderungsbeschränkungen auf die Firmen in der Schweiz hätte. Aussagen von Schweizer Firmen suggerieren, dass diese Auswirkungen erheblich sein könnten. Würden neue Zuwanderungshürden also das Wachstum der Firmen in der Schweiz beeinträchtigen? Würden solche Hürden dazu führen, dass Firmen ihre Produktion ins Ausland verlagern oder sich weniger Unternehmen in der Schweiz ansiedeln?

Antworten auf diese Fragen finden sich in einer neuen KOF Studie. Die Autoren Jan Ruffner und Michael Siegenthaler untersuchten, wie sich die Abschaffung der Zuwanderungshürden infolge der Einführung der Personenfreizügigkeit auf die Firmen ausgewirkt hat. Daraus lässt sich nicht nur ableiten, ob die Firmen von der Personenfreizügigkeit profitiert haben. Es lassen sich auch Erkenntnisse gewinnen, welche Effekte die Wiedereinführung von Zuwanderungshürden auf die Firmen hätten.

Vorteilhaft für die Analyse war, dass die Liberalisierung des schweizerischen Arbeitsmarktes einen ungewollten Nebeneffekt hatte: Grenznahe Firmen profitierten in den ersten Jahren besonders von der Abschaffung verschiedener Arbeitsmarkthürden. Dies, da sich der Schweizer Arbeitsmarkt nicht nur für europäische Zuwanderer öffnete, sondern auch für Grenzgänger.

Die Liberalisierungen für die Grenzgänger liessen ihre Zahl in der Schweiz stark ansteigen: Heute gibt es über 150 000 Grenzgänger mehr als Anfang 2002. Der Natur der Sache entsprechend fand diese Zunahme vor allem in grenznahen Regionen statt. So wuchs beispielsweise der Anteil der Grenzgänger an der Gesamtbeschäftigung nach dem Jahr 2000 in Gemeinden, die weniger als 10 Pendelminuten von einem Grenzübergang entfernt sind, um rund 5 Prozentpunkte (siehe G 1). Heute ist in diesen Gemeinden mehr als jeder vierte Beschäftigte ein Grenzgänger. Die Grafik zeigt auch, wie stark die Zunahme der Grenzgänger auf grenznahe Gebiete konzentriert war. Die grenznahen Firmen machten vom erleichterten Rückgriff auf Grenzgänger also Gebrauch.

Grenzgängeranteil an der Gesamtbeschäftigung  
KOF, ETH Zürich

Nicht nur mehr Beschäftigte, auch mehr Innovationen

Wie wirkten sich die Arbeitsmarktliberalisierungen auf die Grösse, Produktivität und Innovationskraft der Firmen in Grenznähe aus? Die Autoren gehen dieser Frage nach, indem sie die Entwicklung von Firmen in der Nähe von Grenzübergängen mit der Entwicklung von Firmen vergleichen, welche weiter von der Grenze entfernt angesiedelt sind. Dabei fokussieren Ruffner und Siegenthaler vor allem auf die Jahre 2002 bis 2007, da die grenznahen Firmen in dieser Zeitperiode bereits von einem erleichterten Rückgriff auf EU-Arbeitskräfte profitierten, während für Firmen weiter weg von der Grenze weiterhin einige Hürden bei der Anstellung von EU-Bürgern in Kraft blieben. In diesen Analysen zeigt sich, dass der einfachere Zugang zu Arbeitskräften aus dem Ausland die Entwicklung der Firmen in Grenznähe klar positiv beeinflusst hat. Grenznahe Firmen konnten ihre Umsätze und ihre Beschäftigung in dem Zeitraum stärker steigern als weiter von der Grenze entfernte Firmen. Die Personenfreizügigkeit hat den Firmen folglich geholfen zu wachsen.

Wie lässt sich das stärkere Beschäftigungs- und Umsatzwachstum der Firmen in Grenznähe erklären? Gemäss der Studie spielen drei Faktoren eine zentrale Rolle. Erstens litten einige Firmen in den Jahren vor der Einführung der Personenfreizügigkeit unter einem starken Fachkräftemangel, was ihr Wachstum hemmte. Die Arbeitsmarktöffnung führte dazu, dass die Firmen weniger Probleme bekundeten, geeignetes Personal zu rekrutieren – was sich wiederum in einem deutlich grösseren Beschäftigungswachstum niederschlug. Die Autoren zeigen, dass Firmen in Grenznähe, die in den 1990er-Jahren unter einem besonders starken Mangel an qualifizierten Fachkräften litten, nach 2002 im Vergleich zu anderen Firmen in der Schweiz deutlich produktiver wurden.

Eine zweite Erklärung für das stärkere Wachstum von Firmen in grenznahen Gebieten ist gemäss der Studie, dass Firmen in Grenznähe innovativer wurden. Es zeigt sich, dass grenznahe Firmen im Vergleich zu anderen Firmen ihre Forschungsabteilungen stark ausbauten. Ein bedeutender Anteil der neu angestellten Forscher waren Grenzgänger. Der bessere Zugang zu ausländischen Forschern und der geringere Fachkräftemangel erhöhten auch die gemessenen Innovationsleistungen der grenznahen Firmen: So stieg die Zahl ihrer Patentanmeldungen nach 2002 deutlich stärker als im grenzfernen Inland.

Drittens war von Bedeutung, dass die Firmen ihre Produktionstätigkeiten vermehrt in Grenznähe verlagerten, um vom besseren Zugang zu europäischen Fachkräften zu profitieren. Mit anderen Worten: Die Personenfreizügigkeit beeinflusste die Standortentscheide von Firmen. Die Zahl der neuen Firmen wuchs in grenznahen Regionen in der Periode nach 2002 stärker als in grenzferneren Regionen. Zudem zeigen die Resultate, dass Firmen, die bereits vor Einführung der Personenfreizügigkeit in mehreren Regionen der Schweiz Ableger hatten, ihre Beschäftigung nach 2002 insbesondere in den Arbeitsstätten in Grenznähe erhöhten.

Alles in allem zeigen die Resultate, dass die grenznahen Unternehmen in der Schweiz vom erleichterten Zugang zu Arbeitskräften aus der EU substanziell profitierten. Ohne den Rückgriff auf die Grenzgänger wären die Unternehmen weniger gewachsen und es gäbe weniger Unternehmen in Grenznähe. Die Resultate deuten aber auch darauf hin, dass die Unternehmen den substanziellen Zuzug von Ausländern in den Jahren nach der Arbeitsmarktöffnung mitverursacht haben. Die Personenfreizügigkeit führte dazu, dass Stellen geschaffen wurden, die ohne Personenfreizügigkeit gar nicht erst geschaffen worden wären. Die dadurch gestiegene Nachfrage nach Arbeitskräften erklärt mitunter, warum sich die Arbeitsmarktaussichten für ansässige Arbeitskräfte in den grenznahen Arbeitsmärkten trotz starker Zuwanderung nicht verschlechterten. Die Ergebnisse der Studie zeigen aber auch: Eine Reduktion der Zuwanderung in der Schweiz lässt sich nicht erzielen, ohne das Beschäftigungswachstum der Firmen zu beschneiden und damit die wirtschaftliche Entwicklung zu bremsen.

KOF Working Paper Nr. 424 «From Labor to Cash Flow? The Abolition of Immigration Restrictions and the Performance of Swiss Firms» von Jan Ruffner und Michael Siegenthaler.

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25.05.2017
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