Warum ist der Welthandel so schwach?

02.12.2016 | KOF Bulletin, Internationale Konjunktur

Der Welthandel verzeichnet seit einiger Zeit nur noch geringe Zuwächse. Dieser Beitrag geht den Gründen für die geringe Dynamik nach.

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Seit etwa sechs Jahren entwickelt sich der Welthandel deutlich schwächer als noch vor der Grossen Rezession (siehe G 1).[1] Von Januar 2002 bis Dezember 2007 expandierte der Welthandel gemäss Zahlen des CPB Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis um annualisiert 7.0%; von Januar 2011 bis September 2016 lag dieser Wert nur bei 1.6%.

Ist die Schwäche des Welthandels tatsächlich ein handelsspezifisches Phänomen oder widerspiegelt sie einfach nur eine generelle Schwäche der globalen Wirtschaftsaktivität? Zur Beantwortung dieser Frage hat die KOF den Zusammenhang zwischen Weltwarenhandel und Weltindustrieproduktion mit Hilfe eines Modells mit zeitvariierenden Koeffizienten geschätzt.[2] Die Industrieproduktion erklärt die Varianz des Handels zumindest teilweise. Es fällt aber auf, dass die Elastizität zwischen Handel und Industrieproduktion ab Mitte 2009 deutlich gesunken ist. So ist gemäss unserem Modell im Jahr 2009 ein Zuwachs der Wirtschaftsaktivität um 1% mit einem Handelszuwachs um rund 1.6% assoziiert; im Jahr 2016 dagegen nur noch mit einem Zuwachs von rund 1.2%.

Welche Weltregionen haben am meisten zur schwächeren Dynamik des Welthandels beigetragen?

Die asiatischen Schwellenländer und der Euroraum trugen am meisten zum Rückgang der Expansion des Welthandels bei (siehe T 2). Knapp 60% des Rückgangs der Weltimporte bzw. rund zwei Drittel des Rückgangs der Weltexporte gehen auf das Konto dieser beiden Regionen. Schätzungen auf Ebene der Regionen zeigen zudem, dass dieser Rückgang der Elastizität zwischen Handel und Industrieproduktion durch diese beiden Regionen und Japan getrieben wird. Für die USA und die anderen Regionen ist dagegen kein (deutlicher) Rückgang der Elastizität festzustellen.

Beurteilung im längerfristigen historischen Vergleich

Empirische Analysen zum Welthandel verwenden zumeist Daten ab frühestens 1970. Die Welthandelsorganisation (WTO) publiziert dagegen eine Jahresdatenreihe zum Weltexportvolumen, welche bis ins Jahr 1950 zurückgeht (vgl. G 2).

Eine Schätzung der Elastizität zwischen dem Weltexportvolumen und der Weltproduktion seit 1950 zeigt, dass die Elastizität bis in die 1970er Jahre eher niedrig war (siehe G 3). Allerdings nahm die Weltproduktion in dieser Zeitperiode relativ stark zu, so dass sich trotz niedriger Elastizität hohe Zuwächse des Weltexportvolumens ergaben. Seit Anfang der 1980er Jahre steigerte sich die Elastizität und blieb bis Ende der 2000er Jahre relativ hoch. Diese statistische Evidenz dürfte die Öffnung und zunehmende Integration Chinas in die Weltwirtschaft sowie weltweite Handelsliberalisierungen reflektieren.

Die gestiegene Elastizität sorgte dafür, dass der Welthandel dynamisch blieb – und zwar obwohl die Weltproduktion in der Periode 1980 bis 2010 nicht mehr so stark zulegte wie noch vor 1980. Ab Ende der 2000er Jahre sank die Elastizität wieder. Und da die Weltproduktion seit 2012 nur relativ schwach expandierte, ergaben sich für die vergangenen vier Jahre – und wohl auch für dieses Jahr – historisch niedrige Zuwachsraten des Welthandels (siehe G 2).

Und der Schweizer Aussenhandel?

In der Schweiz fielen die Zuwächse des Aussenhandels in der Periode nach der Grossen Rezession markant tiefer aus als in den Jahren zuvor. Lag die annualisierte Vorquartalsrate des gesamten Schweizer Handels im Durchschnitt der Jahre 2002 bis 2007 bei 5.5%, so betrug sie in den Jahren 2011 bis 2016 nur noch durchschnittlich 3% und war somit rund 2.5 Prozentpunkte tiefer.

Der Rückgang der Zuwachsraten war insbesondere bei den Exporten ausgeprägt. Zu beachten ist hierbei, dass die Periode von 2002 bis 2007 eine Phase der Abschwächung des Schweizerfrankens darstellt, während der Franken in den Jahren 2011 bis 2016 insbesondere gegenüber dem Euro stark aufwertete. Interessanterweise ist die Abschwächung des Aussenhandels in der Schweiz ausschliesslich auf den Handel mit Waren zurückzuführen, während der Dienstleistungshandel eine Beschleunigung erfuhr.[3]

Eine Schätzung des oben verwendeten Modells für die Schweiz ergibt, dass die Elastizität zwischen Schweizer Aussenhandel und Produktion seit Ende der 2000er Jahre deutlich gesunken ist. Zumindest qualitativ ähnelt die Entwicklung für die Schweiz derjenigen des Euroraums.

Wie wird sich der Welthandel in Zukunft entwickeln?

Die bisherige Analyse legt nahe, dass der Welthandel längerfristig eher schwach bleiben wird. Die Handelsintegration in Europa und der Welt dürfte in Zukunft deutlich geringer voranschreiten als in den Dekaden zuvor. Partiell dürfte es sogar zu Desintegrationen kommen. Bezüglich des für die Schweiz wichtigen europäischen Handels dürften die südeuropäischen Länder auf längere Sicht eine geringere Importnachfrage generieren als in der Zeit vor der Grossen Rezession. Immerhin gibt es Anzeichen dafür, dass Deutschland zunehmend zur Nachfragelokomotive wird.

Die Zunahme des Handels mit China, welcher rund 40% des oben verwendeten asiatischen Schwellenländeraggregats ausmacht, wird durch den Strukturwandel von investitions- und industriegetriebenem Wachstum zu konsum- und dienstleistungsbasiertem Wachstum verlangsamt. Grund hierfür ist, dass chinesische Konsumgüter einen deutlich geringeren Importanteil haben als chinesische Investitionsgüter. Dieser Strukturwandel bietet allerdings für manche Schweizer Exportbranchen auch grosse Chancen.

Prognosemodelle für den Welthandel

Prognosen für den Welthandel sind aus methodischer Perspektive sehr herausfordernd: Für eine direkte aggregierte Prognose des Welthandels stehen – jedenfalls im Vergleich zu nationalen Statistiken – relativ wenige globale Indikatoren zur Verfügung. Eine Erstellung der Welthandelsprognose auf Basis disaggregierter Prognosen der Importe und Exporte aller Einzelländer ist dagegen sehr aufwendig. Die KOF löst dieses Problem mit einem hybriden Prognosemodell. Zunächst erstellt sie Export- und Importprognosen für wichtige Länder der Weltwirtschaft und der Europäischen Union auf Basis multipler Modelle. Danach berechnet sie das Aggregat aus dem Handel der Einzelländer und modelliert den Zusammenhang dieser Aggregatsreihe mit dem umfassenden Welthandel mit einem Bayesianischen Schätzmodell. Auf dieser Basis wird dann eine Prognose für den Welthandel erstellt.

[1] Der Begriff (Aussen-)Handel bezeichnet in diesem Beitrag den Durchschnitt aus Exporten und Importen.

[2] Schätzung auf Basis von Monatsdaten von CPB ab dem Jahr 2000. Die Weltindustrieproduktion dient als Proxy für die globale Wirtschaftsaktivität.

[3] Die obigen Analysen zum Welthandel betrafen nur den Warenhandel. Ein Einbezug des Dienstleistungshandels könnte das Bild ändern. Globale Daten zum realen Dienstleistungshandel sind allerdings nur lückenhaft verfügbar.

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