Unsicherheit messen

04.11.2016 | KOF Bulletin, KOF Unsicherheitsindikator

Es deutet vieles darauf hin, dass sich Unsicherheit negativ auf die volkswirtschaftliche Entwicklung auswirkt. Doch wie lässt sie sich messen? Im Rahmen eines Projekts des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) berechnet die KOF verschiedene Unsicherheitsindikatoren für die Schweiz.

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Wollte man den heutigen Gefühlszustand der westlichen Welt in ein Wort fassen, wäre «Unsicherheit» eine heisse Kandidatin für die adäquateste Beschreibung. Die Unsicherheit oder allgemeine Verunsicherung kommt in Form von Volksentscheiden wie dem Brexit, der Kriegswirren im Nahen Osten, des IS oder von Wahlen wie jene des zukünftigen US-Staatsoberhaupts. Subjektivität und Erwartungen spielen eine grosse Rolle. Ein Gefühl von Unsicherheit wirkt sich auch ökonomisch negativ aus: Konsumenten warten mit Konsumentscheiden, Firmen verschieben Investitionen und Personalentscheidungen. Dennoch bleibt sehr vage, was wir genau unter Unsicherheit verstehen und wie sie sich quantifizieren lässt. Aus diesem Grund untersucht die KOF in einem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierten Forschungsprojekt, wie ökonomische Unsicherheit überhaupt definiert und gemessen werden kann.

Im deutschen Sprachgebrauch ist Unsicherheit klar negativ konnotiert. Wir verbinden einen Anstieg von Unsicherheit mit einem Anstieg der Wahrscheinlichkeit, dass der Ausgang eines Ereignisses negativer ausfällt als erwartet. In der Ökonomie bezieht sich die Unsicherheit ebenfalls auf unsere Erwartungen. Ökonomen definieren sie jedoch als die Varianz unserer Erwartungen, das heisst, dass in einem ökonomischen Sinne ein Anstieg der Unsicherheit nicht nur die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es schlechter kommt als erwartet, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass es besser kommt. Das heisst, ein Anstieg von Unsicherheit bietet auch Chancen.

Wirtschaftliche Akteure wie Konsumenten und Unternehmen treffen ständig Entscheidungen und passen ihre Gewohnheiten und Tätigkeiten laufend an sich ändernde Bedingungen an. Zum einen reagieren Unternehmen und Konsumenten auf realisierte Ereignisse: Ein Bestellungseingang führt normalerweise zur Produktion und eine Gehaltskürzung üblicherweise zu Konsumverzicht. Zusätzlich zu Ereignissen, welche tatsächlich passiert sind, reagieren wir jedoch auch aufgrund noch nicht eingetretener Ereignisse. Ein Unternehmen, dessen Hauptkonkurrent vom Markt verschwindet, wird vermutlich seine eigene Produktion erhöhen, um einen eventuellen Anstieg der Nachfrage bedienen zu können. Obwohl sich die zusätzliche Nachfrage beim Unternehmen selbst noch nicht realisiert hat, bereitet sich das Unternehmen bereits auf den erwarteten Anstieg der Nachfrage vor. Das bedeutet, wir reagieren auf sich verändernde Erwartungen. Darüber hinaus reagieren wir auch auf Veränderungen der Varianz unserer Erwartungen, das heisst, unsere Handlungen werden durch sich verändernde Unsicherheit beeinflusst.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass steigende Unsicherheit Unternehmen und Konsumenten vorsichtiger werden lässt. Unternehmen verzichten auf Investitionen und Anstellungen, Konsumenten auf Konsum. Für eine gesamte Volkswirtschaft bedeutet dies, dass erhöhte Unsicherheit zu einer niedrigeren Beschäftigung und tieferen Investitionen führt. Zudem sinkt der gesamtwirtschaftliche private Konsum. Unsicherheit hat somit realwirtschaftliche Auswirkungen auf eine Ökonomie.

Die Ursachen der Unsicherheit sind oft in politischen Entscheidungen zu finden. Zwar erhöhen auch Faktoren wie Naturkatastrophen oder Terroranschläge die allgemeine Unsicherheit, ein Grossteil der Unsicherheit fusst jedoch in der Politik. Des Referendum über den Brexit, die Initiative gegen die Masseneinwanderung oder der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank zur Aufhebung des Mindestwechselkurses sind alles Beispiele, bei denen politische Entscheide zu einer erhöhten Unsicherheit führten.

Wie lässt sich Unsicherheit nun messen?

Die Hinweise verdichten sich, dass Unsicherheit tendenziell schädlich ist. Doch wie lässt sie sich messen? Um Unsicherheit zu minimieren und bei einem plötzlichen Unsicherheitsschock angemessen reagieren zu können, benötigt man geeignete Indikatoren, welche die schwierig greifbare Unsicherheit messen. Verschiedene Masse werden in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert: Ein geläufiger Unsicherheitsindikator zeigt den Dissens der Unternehmenserwartungen, die in Umfragen abgefragt werden, über die Zeit an. Weitere Beispiele sind Finanzmarktvolatilitätsmasse (z.B. der sogenannte VIX oder VSMI), die Streuung von Prognosefehlern von Unternehmen oder der Dissens von Prognosen professioneller Prognostiker. Aktuell findet der Vorschlag, Unsicherheit mittels der Anzahl an Zeitungsartikeln zu approximieren, welche eine bestimme Wortkombination aufweisen, grosse Beachtung.

Die mediale Unsicherheit

Seit Kurzem berechnet die KOF im Rahmen eines SNF-Projekts sämtliche dieser Unsicherheitsmasse für die Schweiz. Einer der bedeutendsten Unsicherheitsindikatoren ist der auf Zeitungsartikeln basierende Economic Policy Uncertainty Index. Dieser Indikator basiert auf der Idee, Zeitungsartikel zu zählen, welche die Wörter Unsicherheit, Wirtschaft und wirtschaftspolitische Wörter wie u.a. Steuern, Regulierung oder Haushalt beinhalten (siehe G 3). Der Indikator versucht, die gefühlte Unsicherheit einer Volkswirtschaft abzubilden, und beruht auf der Annahme, dass Zeitungen die allgemeine Stimmung (Sentiment) der Bevölkerung spiegeln. Der intuitive Ansatz, die sofortige Verfügbarkeit sowie die langen historischen Zeitreihen machen diesen Indikator aus wissenschaftlicher Sicht besonders attraktiv. Die KOF berechnet den Economic Policy Uncertainty Index für die Schweiz täglich und stellt den Indikator seit 1900 zur Verfügung. Der Indikator beruht dabei auf den Zeitungsartikeln der «Neuen Zürcher Zeitung» und «Le Temps», wobei vor 1998 die Zeitungsartikel der «La Gazette de Lausanne», «Le Journal de Geneve» sowie «Le Nouveau Quotidien» herangezogen werden.

Erste Ergebnisse zeigen, dass unterschiedlichste Ereignisse der letzten 25 Jahre zu einem Anstieg der Unsicherheit in der Schweiz führten (siehe G 4). Dabei wird ersichtlich, dass vor allem die Immobilienkrise Anfang der 1990er, der Irakkrieg 2003 sowie die Aufhebung der Frankenuntergrenze Anfang 2015 zu einem Anstieg der Unsicherheit geführt haben. Der Economic Policy Uncertainty Indikator, gemessen an den Unsicherheitsmeldungen in der « Neuen Zürcher Zeitung» und in «Le Temps» weist aber auch darauf hin, dass die Unsicherheit in den letzten Monaten bereits wieder etwas abgeflacht ist. Die anderen Indikatoren zeigen ebenfalls keine beunruhigenden Niveaus an. Aus ökonomischer Sicht sollten wir uns deshalb auch etwas beruhigen, was hoffentlich auch zur Kühlung der sozialen, politischen und gesellschaftlichen Hysterie rund um die Unsicherheit führt.

Alle weiteren Unsicherheitsindikatoren, die die KOF berechnet, sind hier zu finden.

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26.04.2017
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