KOF YLMI: Ausser in der Schweiz wirkte sich Wirtschaftskrise auf die Arbeitsbedingungen junger Menschen aus

04.11.2016

Im Gegensatz zu den meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU28) hat die Schweiz die Wirtschaftskrise sehr gut gemeistert. Das gilt nicht nur in Bezug auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, sondern auch für die Situation junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Während der KOF Youth Labour Market Index (KOF YLMI) für die EU28 zwischen 2008 und 2014 leicht zurückging, blieben die Zahlen für die Schweiz praktisch unverändert.

Ungeachtet der Tatsache, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Jugendliche von hoher Komplexität geprägt ist und zahlreiche Facetten aufweist, fokussieren sich die meisten Analysen dieses Arbeitsmarktsegments auf einen einzelnen Indikator: die Jugendarbeitslosenrate. Der KOF YLMI ist ein Instrument, das die Komplexität der Situation junger Menschen am Arbeitsmarkt analysiert (der Benutzer kann den KOF YLMI hier abrufen). Zusätzlich zu weitverbreiteten Indikatoren, wie z.B. die Jugendarbeitslosenrate, fasst der KOF YLMI zwölf Indikatoren zusammen, die in die Kategorien «Arbeitsmarktstatus», «Arbeitsqualität», «Bildungssystem» und «Leichtigkeit des Arbeitsmarkteintritts» unterteilt sind:

Dänemark mit höchsten Wert im Gesamtindex

In der dritten Ausgabe des KOF YLMI belegt Dänemark für 2014 (neuste verfügbare Zahlen) mit einem Index von 5.74 Punkten den Spitzenplatz. Die Schweiz erreicht mit einem Wert von 5.70 Punkten für den Gesamtindex den zweiten Platz. Dieser Wert ist deutlich höher als der Durchschnitt der EU28-Länder (4.78 Punkte). Hinter diesen beiden Spitzenreitern folgen Österreich, Deutschland und die Niederlande mit Werten um 5.5 Punkte. Am anderen Ende der Skala rangieren Griechenland, Mazedonien, Spanien und Italien mit Werten von unter 4 Punkten. In diesem Ranking werden Länder verglichen, für die mindestens zehn der zwölf Indikatoren des KOF YLMI verfügbar sind.

Die Schweiz liegt deutlich über EU28-Durchschnitt

Die Spinnenetzgrafik G 9 veranschaulicht die Entwicklung der einzelnen Indikatoren in der Schweiz und in der EU28 für 2008, das heisst vor der Krise, und die letzten verfügbaren Daten für 2014. Die Indikatoren aus der Kategorie Arbeitsmarktstatus zeigen eine robuste und stabile Situation für die Schweiz. Dies gilt jedoch nicht für jene der EU28, bei denen eine deutliche Verschlechterung zu beobachten ist. Besonders bemerkenswert ist die deutliche Verbesserung des Indikators «Armutsgrenze» in der Schweiz. Auch im Bereich des «Bildungssystems» liegen die Indikatoren für die Schweiz höher als im EU28-Durchschnitt. Dabei ist jedoch darauf hinzuweisen, dass dies die einzige Kategorie ist, in welcher die Zahlen für die EU28-Gruppe im Zeitraum 2008–2014 angestiegen sind. Bei beiden Indikatoren aus diesem Bereich («Rate der formalen Ausbildung» und «Skills-Mismatch-Rate») ist zwischen 2008 und 2014 ein Anstieg zu verzeichnen.

Und schliesslich: In der Dimension «Leichtigkeit des Arbeitsmarkteintritts» liegt die Schweiz bei dem zugrunde liegenden Indikator «Verhältnis der Arbeitslosigkeit von Jugendlichen und Erwachsenen» praktisch gleichauf mit dem EU28-Durchschnitt. Dieser Indikator lässt darauf schliessen, dass die Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt für Jugendliche in vielen Aspekten die gesamtwirtschaftliche Lage widerspiegeln und nicht nur ein jugendspezifisches Problem skizzieren. Bei der Rate der arbeitslosen Jugendlichen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind, erzielt die Schweiz eine höhere Punktzahl als die EU28. Generell ist die Punktzahl der Schweiz bei der Langzeitarbeitslosigkeit zwischen 2008 und 2014 rückläufig. Dies ist ein beunruhigender Aspekt, da eine steigende Langzeitarbeitslosenrate bei Jugendlichen aufgrund eines «Skill-Mismatch» auf einen Anstieg der strukturellen Arbeitslosigkeit hindeuten kann. Daher muss diese Entwicklung sorgfältig analysiert werden, um sicherzustellen, dass die gefährdeten Jugendlichen die erforderliche Unterstützung für einen leichten Arbeitsmarkteintritt erhalten.

Schlechtere Arbeitsqualität für Jugendliche in Europa

Der Rückgang der Punktzahl für den Gesamtindex für die EU28 zwischen 2008 und 2014 um durchschnittlich 0.28 Punkte erscheint, verglichen mit dem Wert für die Schweiz, relativ moderat. In dem Mittelwert für die EU28 verbirgt sich jedoch eine dramatische Verschlechterung in mehreren Ländern, insbesondere in Zypern, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Der Rückgang in diesen Ländern lag dreimal höher als im EU-Durchschnitt. Der Rückgang fiel im Bereich Arbeitsmarktstatus besonders drastisch aus.

Die durchschnittlichen Werte für den Bereich Arbeitsqualität ist ebenfalls stark zurückgegangen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, die Komplexität des Arbeitsmarkts für Jugendliche zu berücksichtigen. So war beispielsweise beim Indikator Rate der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigten insbesondere in Italien und Spanien ein starker Rückgang zu verzeichnen. Darüber hinaus erreichte der Indikator «Rate der temporären Arbeitsverträge» in Spanien einen alarmierenden Wert. Irland zeigt einen negativen Trend beim Indikator «Sonntags-, Nacht- oder Schichtarbeit», während in Griechenland insbesondere die Werte für den Indikator «Arbeitsverhältnisse mit geringem Rechtsschutz» Sorge bereiten. Die Ergebnisse für Zypern ergeben bei den Indikatoren ein gemischtes Bild (siehe G 10). All dies zeigt, dass sich die Krise auf die Arbeitsqualität in diesen Ländern auf sehr unterschiedliche Weise auswirkt.

Weiterführende Informationen zum YLMI finden sich hier.

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