Alle Arbeitslosen zählen, bitte

07.10.2016 | Arbeitsmarkt, KOF Bulletin

Die Erwerbslosenstatistik und die Statistik der registrierten Arbeitslosigkeit des SECO haben einen sehr ähnlichen Verlauf, wenn nur jene Arbeitslosen gezählt werden, die sich bei einem Arbeitsamt registrieren. Die Erwerbslosenstatistik steigt an, weil es immer mehr Langzeitarbeitslose gibt – ein Phänomen, das die SECO -Statistik nicht erfasst, weil viele Langzeitarbeitslose nicht beim RAV gemeldet sind.

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Hat die Schweiz eine steigende Langzeitarbeitslosigkeit? Auf diese einfache Frage gibt es keine einfache Antwort. Das liegt daran, dass es zwei verschiedene Arbeitslosenstatistiken in der Schweiz gibt (siehe auch Siegenthaler, 2013). Diese liefern ein unterschiedliches Bild über die Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit in den letzten Jahren. So existiert zum einen die Statistik der registrierten Arbeitslosigkeit, die monatlich vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) auf Basis von Registererhebungen bei den regionalen Arbeitsämtern (RAV) ermittelt wird. Diese lag im letzten Jahr im Schnitt bei 3.2%. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in dieser Statistik seit Jahren praktisch konstant.

Etwas anders sieht es aus, wenn man die «Erwerbslosenstatistik » des Bundesamtes für Statistik herbeizieht. Diese Statistik weist die Arbeitslosigkeit anhand der Definition der International Labour Organization (ILO) aus. Um diese Arbeitslosenquote zu ermitteln, werden jährlich im Rahmen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) rund 130 000 Telefoninterviews bei der schweizerischen und ausländischen ständigen Wohnbevölkerung durchgeführt. Die Arbeitslosigkeit betrug gemäss dieser Statistik im letzten Jahr 4.5% und hatte in den Jahren davor tendenziell zugenommen, was insbesondere auf einen Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit zurückzuführen war.  

Erstaunlich akkurate Erwerbslosenstatistik

In der Öffentlichkeit wird den Zahlen der Erwerbslosenstatistik oft mit Skepsis begegnet. Ist diese Skepsis gerechtfertigt? Die Antwort lautet nein. Das hat zwei Gründe. Erstens liefern die Statistiken ein ähnliches Bild über die Zahl der registrierten Arbeitslosen. Das ist nicht selbstverständlich, basiert die Erwerbslosenstatistik doch auf einer Stichprobenerhebung bei Haushalten und kann daher statistischen Schwankungen ausgesetzt sein – Schwankungen, die bei der auf Registererhebungen basierenden Statistik der registrierten Arbeitslosigkeit naturgemäss nicht vorkommen. Zudem könnte die Statistik aufgrund der Erhebungsmethode systematisch verzerrte Resultate liefern, z.B. weil Arbeitslose telefonisch besser erreichbar sein könnten als Erwerbstätige.

Grafik G 4 zeigt die Zahl der Personen, die gemäss Erwerbslosenstatistik gleichzeitig arbeitslos und bei einem RAV registriert sind (blaue Linie). Sie zeigt auch die Zahl der Arbeitslosen gemäss Statistik der registrierten Arbeitslosen des SECO. Wir beobachten, dass die beiden Linien seit ca. 2002 äusserst parallel verlaufen. Das gilt sowohl für die langfristige Entwicklung wie auch für die Entwicklung von Quartal zu Quartal – eine Betrachtung, die seit 2010 möglich ist, da die SAKE seither vierteljährlich durchgeführt wird. Der grösste Unterschied in den beiden Reihen liegt im Niveau der registrierten Arbeitslosigkeit. Detaillierte, aber nicht publizierte Auswertungen des BFS anhand eines Vergleichs verschiedener Datenquellen deuten darauf hin, dass diese Niveauunterschiede nicht auf eine Unterschätzung der registrierten Arbeitslosigkeit in der Stichprobe der SAKE zurückzuführen sind. Vielmehr enthält die SECO-Statistik wohl unter anderem eine recht grosse Zahl an Personen, die zumindest teilweise erwerbstätig sind.

Vergleich der registrierten Arbeitslosen: Erwerbslosenstatistik vs. SECO  
Quelle: KOF

Rund 40 000 nicht registrierte jugendliche Arbeitslose

Der zweite Grund, warum die Skepsis gegenüber der Erwerbslosenstatistik nicht gerechtfertigt ist, liegt darin, dass sie konzeptionell überlegen ist. Die Erwerbslosenstatistik erfasst im Gegensatz zur Statistik der registrierten Arbeitslosigkeit auch jene Arbeitslosen, die nicht bei einem Arbeitsamt (RAV) registriert sind. Das ist zentral, da mehr als die Hälfte der Arbeitslosen in der Schweiz nicht auf einem RAV gemeldet sind. Im Jahr 2015 waren rund 120 000 Arbeitslose nicht beim RAV gemeldet – eine Zahl, die in den letzten zehn Jahren ständig grösser geworden ist. Eine Studie der KOF zur Arbeitslosigkeit in der Schweiz zeigt, dass die Neigung, sich im Falle von Arbeitslosigkeit auf dem RAV zu melden, insbesondere bei Frauen, Jugendlichen und Personen mit einem tiefen Bildungsabschluss, unterdurchschnittlich ist (Bolli et al., 2015). Deren Arbeitslosigkeit wird deshalb mit der SECO-Statistik unterschätzt.

Wie relevant dies ist, illustriert Grafik G 5 exemplarisch anhand der Jugendarbeitslosigkeit. Die Grafik zeigt die Zahl der registrierten und nicht registrierten 15- bis 24-jährigen Arbeitslosen gemäss Erwerbslosenstatistik sowie zum Vergleich die Zahl der registrierten jugendlichen Arbeitslosen gemäss SECO-Statistik. Der Vergleich zeigt, dass seit 2010 pro Quartal rund 10 000 bis 20 000 Jugendliche beim RAV registriert waren. Hinzu kamen aber in jedem Quartal zwischen 25 000 und 60 000 jugendliche Arbeitslose, die nicht beim RAV registriert waren. Auffällig ist auch, dass die Zahl der nicht registrierten jugendlichen Arbeitslosen gemäss Erwerbslosenstatistik immer im 3. Quartal des Jahres stark ansteigt und dann allmählich sinkt. Dies ist nicht verwunderlich, endet doch für viele Studierende und Lehrlinge in diesem Quartal die Ausbildung, worauf sie sich auf Stellensuche begeben. Offenbar registriert sich nur ein geringer Anteil dieser Jugendlichen auf dem RAV.

Vergleich der Jugendarbeitslosigkeit  
Quelle: KOF

Langzeitarbeitslosigkeit auf Rekordniveau

Die Ausführungen werfen die Frage auf, weshalb sich Arbeitslose nicht beim RAV melden. Die Gründe sind vielfältig und in der internationalen Forschung nicht abschliessend geklärt. Ein wichtiger Grund ist, dass Arbeitslose teilweise gar nicht wissen, dass sie Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung haben. Bei einigen Arbeitslosen dürfte auch mitspielen, dass dem Gang aufs Arbeitsamt ein gesellschaftliches Stigma anhaftet. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Arbeitslose beim RAV melden, umso grösser, je einfacher es ist, Arbeitslosenentschädigung zu beziehen, und je höher das Arbeitslosengeld ist.

Einer der wichtigsten Gründe, warum sich viele Arbeitslose nicht beim RAV melden, dürfte in der Schweiz aber sein, dass sie gar keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung haben. Dies betrifft zum einen Personen, die trotz Arbeitslosigkeit die Voraussetzungen für den Bezug von Arbeitslosengeld nicht erfüllen. Das sind vor allem Personen, die in den Jahren vor ihrer Arbeitslosigkeit nicht lang oder regelmässig genug beschäftigt waren. Dies betrifft andererseits auch die «Ausgesteuerten» – also jene Personen, die so lange arbeitslos waren, dass sie keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung mehr haben. Nur etwa ein Drittel jener Ausgesteuerten, die sich weiterhin aktiv um eine Stelle bemühen, tauchen ein Jahr nach der Aussteuerung noch unter den registrierten Arbeitslosen auf. Eine Konsequenz davon ist, dass die Statistik der registrierten Arbeitslosigkeit insbesondere die Langzeitarbeitslosigkeit unterschätzt. Gemäss Erwerbslosenstatistik gab es 2016 mehr Langzeitarbeitslose als je zuvor – eine Entwicklung, die von der SECO-Statistik nicht erfasst wird. Die Gründe für den Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit sind allerdings bislang nicht systematisch erforscht worden.  

Revision der Arbeitslosenversicherung 2011 «senkte» gemessene Arbeitslosigkeit

Eine direkte Konsequenz der obigen Zusammenhänge ist es, dass die Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung einen Einfluss darauf hat, ob eine arbeitslose Person beim RAV registriert ist. Dass dies von Bedeutung ist, zeigte sich im Jahr 2011 exemplarisch, als im Zuge der vierten Revision der Arbeitslosenversicherung die Bedingungen für den Bezug von Arbeitslosengeld verschärft wurden. Die Reform senkte den Anteil an Arbeitslosen, die beim RAV registriert sind, erheblich. So betrug der Anteil der registrierten Erwerbslosen gemäss ILO im Durchschnitt 54.3% in den Quartalen vor der Gesetzesrevision (1. Quartal 2010 bis 1. Quartal 2011). Nach der Revision sank der Anteil auf 46.4% (2. Quartal 2011 bis 1. Quartal 2016). Anders ausgedrückt: Das Niveau der registrierten Arbeitslosigkeit wäre heute höher, wenn in der Arbeitslosenversicherung noch die gleichen Regeln gelten würden wie vor der Reform. Der Einfluss ist insbesondere auf die gemessene Langzeitarbeitslosigkeit gross, da im März 2011 im Zuge der Reform über 16 000 Arbeitslose auf einen Schlag ausgesteuert wurden, wodurch viele Betroffene nicht mehr in der SECO-Statistik auftauchen. Die Reform 2011 ist mit ein Grund, warum die SECO-Arbeitslosenstatistik den Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit in der Schweiz nicht erfasst.

Literatur

Bolli, T., C. Breier, U. Renold und M. Siegenthaler (2015): Für wen erhöhte sich das Risiko in der Schweiz, arbeitslos zu werden?, KOF Studien, 65, Zürich, Juli 2015.

Siegenthaler, M. (2013): Die «Erwerbslosenquote» ist die eigentliche Arbeitslosenquote, Ökonomenstimme.

Kontakt

ETH Zürich

KOF Konjunkturforschungsstelle

Dr. Michael Siegenthaler

LEE G 223

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8092 Zürich

Schweiz

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