Die Konjunktur im Euroraum hat sich abgeschwächt

02.09.2016 | KOF Bulletin, Internationale Konjunktur

Die Konjunktur im Euroraum hat sich abgeschwächt. Mit einem moderaten Produktionszuwachs von lediglich 0.3% gegenüber dem Vorquartal war die Zunahme des Bruttoinlandprodukts (BIP) im 2. Quartal 2016 etwas verlangsamter als im Quartal zuvor. In Frankreich und Italien stagnierte die gesamtwirtschaftliche Produktion sogar.

Nach einem Anstieg um 0.6% im 1. Quartal 2016 schwächte sich der Produktionszuwachs auf lediglich 0.3% im 2. Quartal ab. Diese Abschwächung war jedoch erwartet worden, da die konjunkturelle Dynamik im 1. Quartal durch Sonderfaktoren nach oben verzerrt wurde. So unterstützte der milde Winter die Bauproduktion in Deutschland und die Ticketverkäufe für die Fussball-Europameisterschaft trieben in Frankreich den privaten Konsum an. Aufgrund dieser Sondereffekte kam es zu einer Gegenbewegung im 2. Quartal. So stagnierten zum Beispiel die privaten Konsumausgaben in Frankreich lediglich. Für einen positiven Wachstumsbeitrag des Aussenhandels sorgten geringere Importe. Ein niedriger Lageraufbau wirkte jedoch dämpfend auf die Produktion. Auch die Bau- und Ausrüstungsinvestitionen wiesen nach den starken Zuwächsen in den vergangenen Quartalen wieder eine negative Dynamik auf.

In Italien dürfte sich die anhaltende Bankenkrise und die Unsicherheit über den Ausgang des Referendums über die tief greifenden Verfassungsreformen im November negativ auf Konsum und Investitionsnachfrage ausgewirkt haben. In Deutschland schwächte sich die konjunkturelle Dynamik von 0.7% im 1. Quartal auf 0.4% im 2. Quartal ab. Der Zuwachs ist damit aber noch immer höher als im Euroraum insgesamt. Insbesondere der Aussenhandel und der Konsum waren für diese Expansion massgeblich, während die Bautätigkeit aufgrund der wetterbedingten Vorzugseffekte im 1. Quartal rückläufig war.

Positive Konjunkturimpulse kamen zudem noch aus den Niederlanden und Spanien. Griechenland konnte ebenfalls eine positive Zuwachsrate der Produktion vermelden. Sowohl Spanien als auch Griechenland profitieren von einer florierenden Tourismusbranche, teilweise als Folge der politischen Unsicherheit in anderen Feriendestinationen wie Ägypten oder der Türkei.

Für eine Überraschung sorgte zudem Irland, das nach einer Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das Jahr 2015 einen Anstieg des BIP von 26% auswies. Dies dürfte hauptsächlich auf Firmensitzverlagerungen grosser multinationaler Konzerne zurückzuführen sein – sogenannte «Tax Inversions». Diese bewirkten eine Erhöhung des produktiven Kapitals um 40%, vor allem durch Rechte an geistigem Eigentum, und eine Verdoppelung der Nettoexporte durch Lizenzeinnahmen und Transithandel. Obwohl der Anteil der irischen Wirtschaftsleistung am Euroraum gering ist, wird der Einfluss dieser Revision auf die Höhe des BIP des gesamten Euroraums und dessen Jahreswachstumsrate des vergangenen Jahres mit etwa 0.4 Prozentpunkten spürbar ausfallen.

Unterschiedliche Erholung bei Preisen und dem Arbeitsmarkt

Ein gemischtes Bild zeigt sich zudem in der Entwicklung der Konsumentenpreise. Während die Vorjahresveränderung des Verbraucherpreisindex in Belgien bei 2% lag (aufgrund einer Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Elektrizität von 6% auf 21% im September 2015 ist dieser Anstieg nach oben verzerrt), belief sich die Inflation in Deutschland und Frankreich auf 0.4%. Italien und Spanien wiesen mit einer Vorjahresteuerung von -0.2% und -0.9% weiterhin deflationäre Tendenzen auf. Im gesamten Euroraum lag die Inflation im Juli 2016 bei 0.2%, während sich die Kerninflation ohne Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel auf 0.8% belief. Laufen die Basiseffekte früherer Rohstoffpreisrückgänge in den kommenden Monaten aus, ist wieder mit einer kräftigeren Erholung der Teuerung zu rechnen.

Der Aufschwung im Euroraum in den vergangenen Quartalen machte sich auch in einem Rückgang der Arbeitslosigkeit bemerkbar, wenn auch weiterhin auf sehr unterschiedlichen Niveaus (siehe G 1, mit anderen Ländern der Europäischen Union und der Schweiz zum Vergleich). Im Euroraum insgesamt lag die Arbeitslosenquote im Juni bei 10.1%, nachdem sie ein Jahr zuvor noch bei 11% gelegen hatte. In Spanien fiel die Arbeitslosenquote erstmals seit sechs Jahren wieder unter 20%, während sie in Deutschland mit 4.2% so niedrig war wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. In Italien scheint die Anfang 2015 verabschiedete Arbeitsmarktreform Früchte zu tragen: So sank die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vorjahr um 0.6 Prozentpunkte auf zuletzt 11.6%, die Jugendarbeitslosigkeit sank sogar um 4.5 Prozentpunkte auf 36.5%. In Frankreich, wo die Arbeitslosigkeit zuletzt unter 10% fiel, wurde im Juli in einem Schnellverfahren eine bei Gewerkschaften und Arbeitnehmern heftig umstrittene Arbeitsmarktreform verabschiedet. Die Lockerung des Kündigungsschutzes und eine flexible Regelung der Arbeitszeiten sollen für eine dynamischere Entwicklung des Arbeitsmarktes sorgen.

Unsicherheit über die Verfassung des italienischen Finanzsektors

Italiens Banken überstanden die Finanzkrise von 2009 vergleichsweise gut. Sie hatten weder übermässig Investitionen in spekulativen Anlagen im Ausland getätigt, noch waren sie durch eine zu geringe Diversifikation bei der Kreditvergabe einer Fehlentwicklung im Immobiliensektor ausgesetzt. Jedoch führte die nachher erfolgte schwache Wirtschaftsentwicklung in Italien und die Verschleppung von strukturellen Reformen dazu, dass mittlerweile rund 18% der vergebenen Kredite in Italien als sogenannte «Non-Performing Loans» eingestuft werden. Nach der Definition des Internationalen Währungsfonds (IWF) fällt ein Kredit in diese Kategorie, wenn Kapital- oder Zinszahlungen seit mehr als 90 Tagen ausstehend sind. Damit haben italienische Banken den grössten Anteil an notleidenden Krediten im gesamten Euroraum nach Griechenland und Zypern, deren Kreditinstitute bereits seit längerer Zeit am Tropf von internationalen Geldgebern hängen (siehe G 2 für einen Vergleich mit anderen Ländern des Euroraums und der Schweiz).

Eine staatliche Rekapitalisierung der notleidenden Finanzinstitute widerspricht jedoch neuen EU-Richtlinien, die eine Stützung zuerst durch Aktionäre und Gläubiger nachrangiger Anleihen vorsieht. Die von der italienischen Regierung nun eingeleitete Verbriefung von notleidenden Krediten und die Eigenkapitalerhöhung angeschlagener Institute durch private Mittel dürften die Situation aber vorerst entschärfen.

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