Brexit ohne Folgen für die Schweiz – bisher

02.09.2016 | KOF Bulletin, Umfragen

Der Brexit wird Europa noch lange beschäftigen und seine längerfristigen Konsequenzen sind noch nicht absehbar. Für die Schweizer Exportunternehmen, das zeigt eine Umfrage der KOF, sind die unmittelbaren Folgen bisher vernachlässigbar. Die Verhandlungsposition der Schweiz gegenüber der EU dürfte der Brexit aber nicht verbessert haben.

Der Brexit – oder zumindest die bekundete Absicht der Briten, aus der EU auszutreten – ist Tatsache. Da die genaue Umsetzung des Austritts sowie die Ausstattung nachfolgender Verträge zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU noch völlig offen sind, ist es aber nach wie vor nahezu unmöglich, die ökonomischen Konsequenzen genau zu beziffern.

Nichtdestotrotz beeinflusst der Brexit bereits jetzt die Realwirtschaft. Zum einen hatte der Ausgang der Abstimmung sofortige Auswirkungen auf realwirtschaftliche Grössen wie etwa den Wechselkurs. Zum anderen trübte der Brexit
die ökonomischen Erwartungen der britischen Konsumenten und Produzenten ein. Gleichzeitig dürfte die Abwertung des britischen Pfunds die Nachfrage nach britischen Produkten erhöhen und eventuelle negative wirtschaftliche Auswirkungen im Vereinigten Königreich abfedern. Die gedämpften Erwartungen und die damit verbundene erhöhte Unsicherheit dürften insgesamt jedoch zu einer Konsum- und Investitionszurückhaltung führen und die Wechselkursgewinne wettmachen.

Die unmittelbaren Auswirkungen des Brexit auf die wirtschaftliche Entwicklung der restlichen Staaten der EU sind unklar. Auf der einen Seite dürfte die Abwertung des britischen Pfunds zu Umsatzeinbussen bei Unternehmen mit grossen Absatzanteilen im Vereinigten Königreich führen. Auf der anderen Seite versuchen mehrere Städte und Regionen der EU, Kapital aus dem Brexit zu schlagen. Der Finanzstandort London dürfte etwas an Attraktivität einbüssen, weshalb bereits jetzt aktiv um abwanderungswillige Finanzunternehmen gebuhlt wird. Zudem meldeten bereits andere EU-Staaten Interesse an den im Vereinigten Königreich angesiedelten EU-Institutionen, wie z.B. der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), angemeldet.

Auswirkungen über zwei Kanäle

In der Schweiz dürften die Auswirkungen des Brexit über zwei Kanäle laufen. Zum einen wird der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU den Handel mit dem Inselstaat erschweren, zumindest solange die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und dem Vereinigten Königreich nicht durch neue Verträge definiert sind. Dies würde vorwiegend Unternehmen mit direkten Handelsbeziehungen treffen. Zum anderen dürfte der Brexit indirekte Auswirkungen auf die Schweiz haben. Es ist anzunehmen, dass dieser die Verhandlungsposition der Schweiz gegenüber der EU bezüglich der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative verschlechtert hat.

Es scheint schwer vorstellbar, dass die EU im Hinblick auf die erwartet zähen Verhandlungen mit dem austrittswilligen Vereinigten Königreich einem Drittstaat Zugeständnisse bei einem ihrer zentralen Grundwerte, der Personenfreizügigkeit, einräumen wird. Die Forderungen der Masseneinwanderungsinitiative sind nicht mit dem Personenfreizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU kompatibel und die Umsetzung der Initiative kommt einem Vertragsbruch von Schweizer Seite gleich. Der Brexit dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass die EU auf einen Vertragsbruch des Personenfreizügigkeitsabkommens mit einer Kündigung des Abkommens reagiert, erhöht haben. Da das Personenfreizügigkeitsabkommen mittels einer Guillotine-Klausel an die weiteren Abkommen der Bilateralen II gebunden ist, bedeutet dies, dass mit der Kündigung eines Vertrags sämtliche Verträge der Bilateralen II hinfällig werden.

Umfrage bei Schweizer Unternehmen

Um die potenziellen Auswirkungen des Brexit auf die Schweiz näher zu beleuchten, hat die KOF im Juli die Exportanteile der EU und des Vereinigten Königreichs jener Schweizer Firmen, die an der KOF Konjunkturumfrage teilnehmen, erhoben. Die Exportanteile wurden dabei für Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, der Finanzdienstleister und der sonstigen Dienstleister ermittelt. Die Unternehmen dieser Branchen dürften am stärksten vom Brexit betroffen sein. Die Exportanteile ermöglichen es, jene Unternehmen zu bestimmen, welche besonders starke Handelsbeziehungen zum Vereinigten Königreich pflegen. Die Firmen wurden anschliessend in zwei Gruppen unterteilt, nämlich in exponierte (hoher Exportanteil) und nicht exponierte (niedriger Exportanteil).

Die blaue Linie in Grafik G 3 zeigt die Nachfrageerwartungen der Unternehmen über die Zeit. Die rote Linie bildet die Erwartungen jener Unternehmen ab, welche mehr als 5% ihrer Umsätze im Vereinigten Königreich erzielen. Dabei sind die Erwartungen der Unternehmen mit engerem Bezug zum Vereinigten Königreich im Juli, der ersten Befragung nach dem Brexit, stärker gefallen als jene der übrigen Unternehmen. Die Anzahl der Unternehmen mit Exporten ins Vereinigte Königreich ist im Verhältnis zur Gesamtanzahl an Unternehmen jedoch gering, wodurch die rote Linie etwas volatiler ist. Die stärkere Abwärtsbewegung im Juli bewegt sich im Rahmen historisch beobachteter Bewegungen und bedeutet nicht notwendigerweise eine stärkere Reaktion exponierter Firmen. Des Weiteren können keine divergierenden Tendenzen innerhalb der beiden Gruppen festgestellt werden.

Die Grafik G 4 versucht, eventuelle Auswirkungen aufgrund der verschlechterten Verhandlungsposition mit der EU zu identifizieren. Die Grafik unterteilt die Umfrageteilnehmer nach Unternehmen, welche mehr als 5% ihres Umsatzes in der EU (ohne Vereinigtes Königreich) erzielen, und Unternehmen, welche ausschliesslich den Schweizer Binnenmarkt bedienen. Wie bereits in Abbildung 1 finden sich auch in Abbildung 2 keine Hinweise negativer Auswirkungen auf die kurzfristigen Erwartungen Schweizer Unternehmen.

Die deskriptive Analyse der Umfrageergebnisse zeigt, dass die Schockwellen des Brexit (noch) nicht bei den Schweizer Unternehmen angekommen sind. Somit ist für die Schweiz kurzfristig mit keinen weitreichenden Konsequenzen zu rechnen. Die langfristigen Konsequenzen des Brexit hängen aktuell von zu vielen Eventualitäten ab, um ein abschliessendes Fazit zu ziehen.

Weitere Informationen zu den KOF Konjunkturumfragen finden Sie hier

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