Ein Jahr nach dem «Frankenschock»: Eine Bestandsaufnahme

05.02.2016

Am 15. Januar 2015 hat die Schweizerische Nationalbank überraschend den Mindestkurs des Frankens zum Euro aufgehoben. Wie sieht die Bilanz ein Jahr später aus?

Aufhebung Mindestkurs: 1 Jahr danach
Foto: Kawara

Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom Januar 2015, den Mindestkurs zum Euro aufzuheben und den Negativzins auf Einlagen bei der Zentralbank von 0.25% auf 0.75% zu erhöhen, liess das vergangene Jahr mit einem Paukenschlag beginnen. Der Hintergrund des Entscheids war der sich klar abzeichnende Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB), ein breit angelegtes Wertschriften-Ankaufprogramm zu starten, welches deutlichen Abwärtsdruck auf den Euro ausüben würde. Nach der Aufhebung wertete der Franken schlagartig auf und liess die Planung vieler Unternehmen obsolet werden.

Die Aufhebung der Untergrenze veränderte nicht nur den tatsächlichen Wechselkurs selbst, sondern erhöhte auch die Unsicherheit über den zukünftigen Wechselkurs. Eine aktuelle Studie der KOF (Dibiasi und Binding 2016) zeigt, dass jene Schweizer Unternehmen, welche besonders von dieser Unsicherheit betroffen sind, ihre geplanten Ausrüstungsinvestitionen reduzieren respektive in geringerem Ausmass erhöhen als Unternehmen, welche diese Unsicherheit weniger stark verspüren. Es war klar, dass der SNB-Entscheid, neben der Entwicklung der internationalen Wirtschaft, die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft im Jahr 2015 und darüber hinaus entscheidend prägen würde.

Preisrückgang an (fast) allen Fronten

Die von der Aufwertung direkt betroffenen Unternehmen haben mit starken Preisnachlassen auf die starke Aufwertung reagiert. Sie konnten somit einen deutlichen Rückgang der ausländischen Nachfrage und somit ihrer Produktion verhindern. Gemäss den Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben sie trotzdem Weltmarktanteile verloren, während europäische Unternehmen – insbesondere aus Deutschland – Marktanteile hinzugewinnen konnten.

Die Preisnachlasse im Exportbereich wurden in der Wertschöpfungskette weitergeleitet. Insgesamt ist das Preisniveau für die inländische Wertschöpfung in den ersten drei Quartalen 2015 um 1% im Vorjahresvergleich gesunken. Auch die Konsumentenpreise waren mit –1.1% deutlich rückläufig und die Inflation lag damit nicht in dem Bereich, den die SNB mittelfristig mit Preisstabilität assoziiert.

Die Rückgänge der Konsumentenpreise waren zu einem grossen Teil von den Importgütern (vor allem Erdölprodukte) getrieben. Gegen Jahresende erreichte aber auch die Inlandteuerung, gemessen an den Konsumentenpreisen, deutlich negative Werte. Während der vergleichbaren Aufwertungsphase im Jahr 2011 war das so nicht zu beobachten. Insgesamt befindet sich die Schweiz also in einer Deflation. Diese ist im Augenblick «gutartig» und Ausdruck der Flexibilität und des Anpassungsprozesses in der Schweizer Wirtschaft. Zudem profitieren die Konsumenten von der gestiegenen Kaufkraft. Die Preisnachlässe belasten aber die Margen der Unternehmen, bis diese durch produktivitätssteigernde Massnahmen, falls möglich, ausgeglichen werden können.

Notwendige strukturelle Anpassungen

Grundsätzlich sind Anpassungen an sich verändernde relative Preise der essenzielle Mechanismus in einer Marktwirtschaft, welcher ihre Effizienz sicherstellt. Geht man davon aus, dass der jetzige Wechselkurs einen «fair-value»-Wert erreicht hat, sind die damit in Gang gesetzten strukturellen Anpassungen der Schweizer Wirtschaft zumindest langfristig wünschenswert. Betrachtet man den Schweizerfranken als überbewertet, stellen die jetzigen Strukturanpassungen kurzfristig ein Überschiessen dar und es ist zu befürchten, dass sich die Wirtschafsstruktur langfristig an den Wechselkurs anpassen muss – anstatt, dass sich der Wechselkurs an die Schweizer Wirtschaft anpasst: Der Schwanz wedelt sozusagen mit dem Hund.

Die Schweizer Wirtschaft steht auch ein Jahr nach dem Wechselkursschock vor grossen Herausforderungen. Laut der jüngsten KOF-Prognose wird die schweizerische Wirtschaft, nach 0.7% im Jahr 2015, in diesem Jahr zwar wieder mit 1.1% wachsen, die Arbeitslosenquote verbleibt aber mit 3.6% auf einem höheren Niveau und der mit den relativen Preisänderungen einhergehende Strukturwandel weg von der exportorientierten Industrie in Richtung konsumentennahe Dienstleistungen setzt sich fort. Die durchschnittliche Inflationsrate bleibt auch im diesem Jahr mit –0.5% negativ. Hierbei wird angenommen, dass es auf der Wechselkursfront ruhig bleibt. Ob sich diese Annahme angesichts der Unruhen in der Welt bewahrheitet, wird sich zeigen.

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ETH Zürich

KOF Konjunkturforschungsstelle

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25.05.2017
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